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Au revoir, la Polynésie - Bula, Fiji!

Aber ist es wirklich ein Paradies? In vieler Weise und für die meisten Menschen ist es das sicherlich. Türkis blaues Wasser, weisse Korallenstrände, Palmen, saftig grüne und steile Vulkanberge, fruchtbare Täler, blühendes Leben unter Wasser, viel Sonne und blauer Himmel, sowie freundliche und grosszügige Einwohner und Segler. Dies alles schafft eine einzigartige Erfahrung für jeden Besucher, speziell wenn er und/oder sie mit dem Segelboot unterwegs ist.

Polynesier bewohnen diese Inseln seit Jahrhunderten und haben eine Vielfalt von Nahrungsmitteln an Land und im Meer vorgefunden. Einige Nutzpflanzen wie die anspruchslose Kokospalme und die nahrhaften Taro- und Maniokwurzeln haben sie selber mitgebracht und kultiviert. Was immer sie benötigen, können sie aus ihrer unmittelbaren Umgebung gewinnen. Tönt wie das Paradies? Ist es auch…

 

Aber mit dem wachsenden menschlichen Einfluss wird Nachhaltigkeit und Erhaltung der Ressourcen immer wichtiger. Doch dies scheinen Vorstellungen, die Polynesier noch nicht wirklich erfasst haben. Zum Beispiel wird Abfall nur sehr selten getrennt und der Dorfabfall landet in tiefen und abgelegenen Gruben, wo er von Zeit zu Zeit verbrannt und dann einfach zurück gelassen wird. Die meisten Häuser haben eine Sickergrube für ihr Abwasser, eine Kanalisation oder Kläranlage gibt es nicht auf den abgelegenen Inseln - und abgelegen ist Polynesien zu 90%. Auf einer Weltkarte des Pazifik betrachtet, der einen unglaublichen Drittel unseres Planeten bedeckt, wirken die Polynesischen Inseln wie Brotkrumen - eine treffende Bemerkung meiner Mutter.

 

Es tut ein bisschen weh, all diese Schönheit zurückzulassen, wie klein sie auch erscheinen mag. Aber einige Faktoren machen es mir leichter. Covid-Fälle explodieren, weil Polynesier sich nur sehr schleppend impfen lassen und die Polynesische Regierung verordnet einen zweiten Lockdown. Auch Segelboote müssen bleiben, wo sie sind - ausser sie reisen aus. Fidschi ist allerdings während der ganzen Pandemie für Segler offen geblieben. Die weitsichtige Regierung versteht, dass Segler kein Risiko für die Bevölkerung darstellen. Von Polynesien mit dem Passatwind kommend, sind die meisten gegen zwei Wochen unterwegs und haben somit bereits eine Quarantäne absolviert. Zu normalen Zeiten trägt der Tourismus 40% zum BIP bei und Segler helfen der lokalen Wirtschaft in einer Zeit, wo es keine anderen Touristen im Land gibt.

 

Die Überfahrt von Tahiti nach Savusavu auf Vanua Levu, der zweitgrössten Insel Fidschis, dauert 13 Tage, in denen wir gegen 2000sm oder 3600km zurücklegen. Moment, hatte ich den Pazifik nicht bereits überquert? Polynesien liegt jedoch nur etwa auf halbem Weg nach Neuseeland in diesem gewaltigen und (meist) sanften Ozean! Ich bin glücklich, dass meine Tochter Tara sich mir anschliesst für diese lange Passage. Diese hat alles dabei von mässigem Wind, über ein paar Tage absolute Flaute und dem grossen Finale mit viel Wind und Wellen von 3 bis 4m für die letzten drei Tage. Die Passatwinde sind nicht mehr so verlässlich und stabil und es fühlt sich so an, wie wenn sich die Jahreszeit bereits ändert. Die Südpazifische Konvergenzzone wird wetterbestimmend mit häufigen Winddrehern und Regenböen gefolgt von Flaute und später im Jahr gebiert sie auch ausgewachsene Wirbelstürme.

 

Am dritten Tag fahren wir in eine Flaute und beschliessen im Lee von Motu One beizudrehen, einem Vogelschutz-gebiet und eine der letzten Polynesischen Inseln. Ich lasse mich ins kristallblaue und bodenlose Wasser gleiten um den Seilabschneider auf der Propellerwelle zu reparieren, der laut rattert sobald wir den Motor starten. Ich bin überrascht, unter dem Rumpf eine kleine Schule von aquariumgrossen Fischen anzutreffen, die unter dem Boot Schutz suchen. Es berührt mich, wie die kleinen Kerle hier mitten auf dem Ozean leben und überleben können. Plötzlich kann ich Walgesang hören! Wahrscheinlich ist es ein Buckelwal-Bulle, der sein Weibchen ruft. Die meisten haben wohl schon diese ergreifend schönen und leicht melancholischen Gesang gehört. Aber diese Geräusche selber unter Wasser zu hören ist bewegend. Es hört sich ein bisschen an, wie wenn man von Mono- auf Stereoklang wechselt - die Rufe kommen von tief unten aus dem riesigen Ozean-Raum. Aus dem Wasser steigend, höre ich überhaupt keine Geräusche mehr. Normalerweise verursacht der Wind Pfeifgeräusche im Rigg und die Wellen klatschende oder gurgelnde Geräusche am Rumpf. Das Boot arbeitet in den Wellen unter dem Druck der Segel und in der Kabine kann man für gewöhnlich viele knarrende Geräusche hören. Aber jetzt ohne Wind und wenigen trägen, öligen Wellen gibt es dagegen nur Stille. Für mich eine neue Erfahrung auf See und sie erinnert mich an die Wüste, wo Stille sich anfühlt wie eine riesige Decke, die über dir ausgebreitet wird.

 

Und nun möchten wir wirklich gerne motoren, da es in unserer Zone für die nächsten paar Tage keinen Wind geben wird und es sich vielleicht auszahlt, weiter nach Nordwesten zu fahren, um die Passatwinde dort eher zu erreichen. Es ist allerdings etwas seltsam, mitten auf dem Ozean den Motor zu starten, wenn um dich herum Tausende von Seemeilen nur Wasser sind und du weisst, dass du dich nur mit sechs Meilen pro Stunde fortbewegen kannst! Rückblickend lohnt sich die Entscheidung so weit nördlich bis fast zum Suwarrow-Atoll zu laufen, einem Naturpark zu den Cook-Inseln gehörend. Leider können wir keiner der am Weg liegenden Inseln einen Besuch abstatten, weil dies unsere Quarantäne-Uhr, die seit unserem Ablegen in Tahiti läuft, wieder auf Null zurücksetzen würde. Boote, die den Weg auf dem gleichen Breitengrad (Loxodrom) gewählt haben, müssen bis zu fünf Tage motoren. Unsere Route ist zwar 100sm länger, aber wir kommen 10 Stunden früher an und haben wahrscheinlich viel weniger Diesel verbraucht.

 

Wir kommen Samstagmittag an und der ganze Einklarierungsprozess läuft sehr glatt ab. Zunächst begrüsst uns die Fidschi-Marine, bestehend aus einem offenen Fischerboot und drei Jungs, von denen einer ein T-Shirt mit dem Marinelogo trägt. Sie geleiten uns zu unserem Quarantäne-Liegeplatz und vertäuen auch unsere beiden Leinen am Land. Die in voller Schutzkleidung an Bord kommende Dame vom Gesundheitsamt füllt unsere Formulare gleich selbst für uns aus. Spät am selben Abend bringen die Marine-Jungs das mobile Covid-Test-Team in der Dunkelheit vorbei. Am Montag früh kriegen wir bereits unsere negativen Testergebnisse und können an einen der Liegeplätze in der Copra Shed Marina verholen, wo die restlichen Beamten von Zoll und Biosicherheit an Bord kommen. Alle sind sehr freundlich, professionell, offen, ja echt interessiert. Was für ein Gegensatz zum komplizierten und nur schlecht funktionierenden Ausklarierungsprozess in Polynesien!

 

Fidschi begrüsst uns mit einem herzlichen “Bula!” und einem breiten Lachen! Bula bedeutet Leben auf Fidschianisch und anerkennt damit, dass das Leben wert ist, gelebt und genossen zu werden - was für eine tolle Lebenseinstellung!

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