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Die faszinierenden Gambier

Jeder, der die Abgelegenheit und Einzigartigkeit der Gambiers erleben will, bezahlt einen Preis dafür - sogar wenn man nur einen ‘Hüpfer’ von 450sm macht wie wir. Von Makemo in den Tuamotus kommend müssen wir erst ein geeignetes Wetterfenster abwarten. Die Gambierinseln liegen genau in der Richtung, aus der der vorherrschende Südostpassat weht. Dreht er mal auf Nord oder gar Nordwest, ist das zwar günstig zum los Segeln, bedeutet aber meistens auch schlechtes Wetter.

Wir hängen uns an den Schwanz einer von Westen kommenden Wetterfront und legen ab. Unterwegs treffen wir so ziemlich alles an, was die Wetterküche zu bieten hat: Regenböen mit starker Windzunahme, Winddreher und anschliessende Flaute, Blitz und Donner, Sonnenschein… alles ausser Sturm!

 

Highlight: Koaku und Tauna

“Es gibt hier wahnsinnig viel zu entdecken - los, auf geht’s!” Das ist Rubys Mantra seit wir hier angekommen sind und die beiden Inseln auf dem südöstlichen Aussenriff beschenken uns reich. Auf den überwucherten Inseln mit weissrosa Sandstrand nesten zahlreiche Seevögel, denen wir uns nur behutsam nähern, um sie nicht zu stören. Die fluffig weissen Küken sind aber echt süss zu beobachten wie sie uns beobachten! Auf der Lagunenseite finden wir im klaren Wasser grosse Korallenköpfe, die zum Schnorcheln einladen. Die Korallen scheinen hier sehr lebendig und artenreich und dementsprechend sind es auch die bunten Fischarten. Mein Sport: Jedes Mal wenn ich schnorcheln gehe, entdecke ich eine neue Fischart. Das funktioniert auch noch nach einem Jahr in Französisch Polynesien. Also entweder gibt es hier wirklich zahllose Fischarten und Varianten oder ich werde langsam vergesslich!

 

Highlight: Taravai

“Wir sind nicht wie ihr, wir leben von Tag zu Tag und sind jeden Tag offen für alles Neue. Wir machen nicht viele Pläne.” Wir blicken vom Berggipfel herunter auf das Haus von Hervés Cousin auf der Nachbarinsel, wo dieser alleine mit seiner Frau lebt. Hervés Antwort auf meine Frage, wie sie dort (über-)leben können, beeindruckt mich. Ich habe das Gefühl, dass es wohl eher so angedacht war, ein zufriedenes Menschenleben zu führen. Ein einfaches Leben, wo man vom eigenen Garten, den aufgezogenen Tieren und von Fischen und Langusten aus dem Meer lebt. Eine Solaranlage liefert genügend Strom für Licht und Haushaltgeräte. Es gibt keinen Fernsehempfang, fürs Mobiltelefon gibt es nur wenig und nur zeitweise Netz, im Internet surfen ist nicht.

 

Die beiden führen bei Interesse jeden Sonntag zusammen mit ihren beiden Söhnen eine Grillparty für Segler in ihrem Garten durch. Vor ihrem Haus gibt es einen grossen Rasen mit einem Beachvolleyball-Feld, direkt angrenzend an den Strand mit Sicht auf die grosse geschützte Bucht von Taravai und die höchsten Berge der Gambiers. Hier liegen dieses Wochenende etwa ein Dutzend Segeljachten vor Anker. Alle bringen ihr eigenes Fleisch oder Gemüse für den Grill und dazu ein weiteres herzhaftes oder süsses Gericht. Hervé war am Morgen auf dem Korallenriff Speer fischen und hat einige Fische gefangen und gegrillt, die er allen zum Versuchen anbietet.

Nach dem Dessert geht es los mit Volleyball, Pétanque oder Ping-Pong spielen. Unsere Volleyball-Kenntnisse sind alle etwas eingerostet, weshalb wir erst mal mit den Kindern spielen. Aber der Wettbewerb nimmt zunehmend an Fahrt auf und am Ende spielen wir Erwachsenen bis zum Eindunkeln.

 

Auch am nächsten Tag sind wir wieder willkommen und spielen nochmals einige Stunden. Am dritten Tag machen wir eine Wanderung über die Berggipfel und Krete von Taravai, angeführt von Hervé und seinem Sohn Alan, die beide barfuss unterwegs sind. Zum Volleyspiel am Nachmittag müssen wir beide aber dabb passen, weil zu müde und zu muskelverkatert…

 

Rikitea

Alle paar Wochen verschiebt sich der Pulk der Boote wieder nach Rikitea, dem Hauptort und Hafen der Gambiers. Das Versorgungsschiff Taporo 8 ist angekündigt, was jedes Mal sowohl im Kalender der Einwohner wie der Segler ein Fixpunkt ist. Aber erst muss alles ausgeladen und auf die verschiedenen kleinen Geschäfte verteilt werden. Für diejenigen, die wie wir keine eigene Lebensmittel-Bestellung gemacht haben und diese direkt am Schiff abholen können, heisst es am nächsten Tag früh aufstehen, sehr früh, polynesisch früh.

Morgens um fünf ist es noch dunkel und wir brauchen unsere Stirnlampe um den Weg zwischen den zahlreichen Korallenköpfen bis an den Landungssteg zu finden. Jo Jo’s öffnet Punkt fünf Uhr und die Leute stehen bereits an. Alle wollen sich mit frischen Früchten und vor allem mit frischem Gemüse eindecken. Mit Karotten, Kohl, Zwiebeln, Tomaten, Gurken, Melonen, sowie Äpfeln und Orangen aus den USA ist die Auswahl zwar nicht gross. Aber in unserem Kühlschrank herrscht schon seit einigen Tagen totale Ebbe und alles Frische ist willkommen.

Sehr oft bekommen wir Früchte geschenkt, wenn wir Leute vor Ort ansprechen, aber es gibt erstaunlicherweise auf diesen fruchtbaren Inseln kaum jemand, der Gemüse anbaut oder gar welches zum Verkaufen oder Verschenken über hat. 

 

Polynesier essen sehr gerne und oft. Ihre Ernährung besteht aus viel Fleisch und Fisch und als Beilagen werden oft gedämpfter Maniok und Taro gereicht. Gewürze werden fast keine verwendet und das meiste wird in Kokosmilch gekocht. Trotzdem finden wir ihr Essen schmackhaft, wenn auch vielleicht oft etwas eintönig. In den letzten Jahren wird auch immer mehr Junkfood wie Kartoffelchips und Süsslimonaden konsumiert.

 

Die Hauptinsel Mangareva mit Rikitea hat 1300 Einwohner und in den langen Schulferien im Dezember und Juli, wenn alle Kinder und Jugendlichen zurück kommen, die in Tahiti zur Schule gehen, sind es noch einige Hundert mehr. Die meisten Familien können sich die Flugtickets  für die Gymnasiasten in den kürzeren Frühlings- und Herbstferien nicht leisten, so dass die Jugendlichen ihre Eltern nur alle sechs Monate sehen. Der dreistündige Flug von Tahiti nach Mangareva kosten für einen Erwachsenen 500 US$ und für Kinder und Jugendliche nur unwesentlich weniger. 

 

Highlight: Akamaru - Ziegen und Perlen

Wir landen mit dem Dingi an der kleinen Betonpier. Der frisch gemähte Rasenweg wird links und rechts von gut gepflegten Gärten gesäumt und auch die kleine Kirche ist sehr gut unterhalten, obwohl die ständigen Bewohner der Insel sich an zwei Händen abzählen lassen. Eigentlich wollen wir zu Rémy, einem französischer Segler, der hier hängen geblieben ist, eine Polynesierin geheiratet hat und eine Perlfarm mit den berühmten dunklen Perlen betreibt.

Als wir nach dem Weg fragen, werden wir von Diana und Stan sofort in ihr Haus eingeladen, keine Widerrede möglich. Nach drei Stunden und drei Tassen Pulverkaffee, einem angeregten Gespräch in einfachem Französisch und reich beschenkt mit Papaya, Süsskartoffeln, Pak Choi und Vanilleschoten kehren wir erst mal aufs Boot zurück.

 

Am nächsten Morgen früh habe ich mich mit Stan verabredet, um den Berggipfel von Akamaru zu erklimmen. Ich verspreche mir von der mittig gelegenen Insel eine wunderbare Aussicht auf das ganze Gambierarchipel und er eine gute Jagd, denn er will zu Ostern einige der Wildziegen erlegen. Der extrem steile Abstieg in Falllinie mit erlegten Ziegen, Waffe und Gepäck ist etwas vom Abenteuerlichsten, was ich schon erlebt habe! Stan ist für mich der Inbegriff des stolzen polynesischen Kriegers. Er tanzt die traditionellen Tänze und nahm schon an vielen pazifischen Festivals teil, inklusive Hawaii und Neuseeland. Aus jeder Region hat er sich im lokalen Stil eine Tätowierung stechen lassen, deren Bedeutung er mir nun stolz erklärt.

 

Am darauffolgenden Tag dürfen wir auf der Perlfarm beim Ernten helfen. Rémy und ich tauchen zu den Leinen hinunter, an denen die Austernkörbe festgeknotet sind. Er bringt jedes Mal zwei mit nach oben - ich bin froh, wenn ich einen schaffe! Nach einer halben Stunde habe ich mein kurz davor eigenommenes Frühstück mindestens noch zwei Mal wieder gekäut und bin total erschöpft!

Weiter geht’s im Akkord: die Austern werden erst auf einer im Meer schwimmenden Plattform mit dem Hochdruckreiniger von Bewuchs gereinigt, aus ihren Körben befreit und an Land einzeln aufgebrochen und die Perlen aus der Gonade der Auster entfernt. An diesem Morgen konnten wir über 1000 Perlen ernten! Wir erleben in einem halben Tag, was die beiden drei Jahre Anstrengung und Mühe gekostet hat! Die Perlen werden nun je nach Qualität sortiert und in Tahiti von einem Zwischenhändler international weiter verkauft. Als Dank für die Hilfe dürfen wir uns je eine Perle aussuchen und kaufen auch noch einige als Geschenke und Andenken!

 

Lowlight: Internet

Die Abgelegenheit der Gambiers hat uns angezogen und fasziniert. Nirgends spüren wir diese stärker, als wenn wir mit der zugegeben sehr abstrakten Aussenwelt in Kontakt treten wollen.

In einer Welt, wo eine ständige Breitband-Netz-Verbindung als selbstverständlich gilt, erleben wir hier, dass dies bei Weitem noch nicht überall der Fall ist. Telefonnetz und Internet kommen hier via Satellit im 2G-Tempo an. Das entspricht etwas der Geschwindigkeit der Einwähl-Modems der 90er, geteilt durch vier! Insgesamt gibt es in den Gambiers nur zwei Mobilfunk-Antennen, von denen die eine seit einigen Wochen ausser Betrieb ist, weil die Ersatzteile noch immer nicht angekommen sind. Tagsüber verlieren wir die Bandbreiten-Schlacht meist, weil einfach zu viele im Netz sind. Mitten in der Nacht sind manchmal sogar Gespräche via Internet, das Öffnen einer Webseite oder das Herunterladen eines Wetterberichts möglich! Weil man hier nicht nur für Datenvolumen sondern für Online-Zeit bezahlt, werden ausser unseren Nerven auch unsere Geldbeutel stark strapaziert!

 

Aber selber schuld, wir wollten ja ans Ende der Welt segeln! Dort angelangt wollen wir uns nicht beklagen, sondern einfach geniessen und wertschätzen in dieser global sehr schwierigen Zeit an diesem einzigartigen Ort, fast gänzlich unberührt von Covid, einige Wochen verweilen zu können.

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