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Marquesas Inseln

Alle heissen mich willkommen hier. Kurz nachdem der Haken fest im Sand sitzt, kommt bereits das erste Fahrtensegler Beiboot vorbei und fragt mich, ob ich was brauche. Noch darf ich nicht an Land und die gelbe Quarantäneflagge flattert bis die Offiziellen offiziell ihre Mathe-Aufgabe gelöst haben und meine Seetage von den 14 Tagen Quarantäne abziehen und ich mich auf die Lokalbevölkerung loslassen. Die Leute am Land sind sehr freundlich aber auch etwas scheu. Ihre Regierung hat Französisch Polynesien vor Kurzem wieder für internationale Flugreisende geöffnet, ohne von diesen eine Quarantäne zu verlangen. Die Lokalbevölkerung ist nervös, weil viele hier ein erhöhtes Risiko haben, beispielsweise wegen Übergewicht oder Diabetes.

 

Zu meiner Überraschung brauche ich mich nicht erst wieder ans Gehen an Land zu gewöhnen. Normalerweise mache ich erst für eine Weile den ‘Moon Walk’. Ich geniesse die Gerüche an Land und wie viele Frauen hier, stecke auch ich mir eine Frangipaniblüte hinters Ohr. Ich schwelge in Früchten und Gemüse frisch vom Markt gleich am Hafen. Ich muss mich aber erst noch ans Preisniveau hier gewöhnen, was etwa so hoch wie Frankreich oder Deutschland, aber nicht ganz so hoch wie in der Schweiz liegt. Ich treffe viele Segelfreunde von Panama wieder an und zusammen feiern wir unsere erfolgreiche Überfahrt.

 

Die Menschen hier scheinen mit dem Hahn aufzustehen. Diese lassen dich zahlreich jeden Morgen früh wissen, dass sie bereits wach sind und lauter krähen können als der Nachbar! Genauso wie die Hunde, rennen die Hühner hier frei herum. Zum Bäcker gehen muss ich hier mit der Stirnlampe: Erst mit dem Beiboot ans Land fahren, zehn Minuten durchs dunkle Dorf laufen und das morgens um fünf Uhr! Als ich um fünf Uhr dreissig dort ankomme, ist alles bereits ausverkauft, ausser ein paar Pain au Chocolat und Pain au Raisin. Unglaublich!

 

Wie doch alles relativ ist: Nach drei Wochen in den Wellen auf dem offenen Ozean scheint der Schwell, der sich seinen Weg in die Bucht von Taiohae sucht nur ein sanftes Wiegen. Aber nach ein paar Tagen vor Anker hin und her rollen ist meine Geduld leicht angegriffen. Eine Woche davon ist genug und zusammen mit meinen Freunden von Windchase wollen wir Nuku Hiva umsegeln. Wir stoppen in Hakatea, auch als Daniel’s Bay bekannt. Die Einfahrt fühlt sich so an, wie wenn man direkt in die Unterwelt einfährt zwischen einem Felsvorsprung und ganz nahe an einer hochaufragenden senkrecht abfallenden Vulkansteilküste. Die Bucht selbst ist total ruhig und am nächsten Tag wandern wir gemeinsam zum spektakulären Wasserfall hinauf. Aus der Ferne scheint alles wie eine Szene aus Jurassic Park. Das Wasserbecken, in das er sich ergiesst, ist aber sehr trüb und von den Polynesischen Jungfrauen, die mir Paul auf dem Weg versprochen hat, ist auch nichts zu sehen. Das Mittagessen auf dem Selbstversorgerhof auf dem Rückweg ist aber eine tolle Entschädigung.

 

In der Bucht von Haaopu, an der NW Küste von Nuku Hiva schwimme ich vom Boot aus und entdecke zwei Stachelrochen unter dem Boot und umgekehrt hat mich bereits ein Zwei-Meter-Schwarzspitzen-Riffhai entdeckt… Nach ein paar Sekunden, in denen ich ihm tief in seine Katzenaugen blicke, dreht er jedoch ab. Puh, meine erste Haibegegnung in Freiheit! An der Nordküste müssen wir aufkreuzen; 20kn Wind und 2m Welle gegen uns - kein Spass! Aber jede Bucht, die wir anlaufen entlohnt uns mit flachem Wasser und einem kleinen Bauerndörfchen hinter dem Strand. Für einige Tage laufen wir auch die berühmte Anaho Bucht an, bevor wir die steil ins Meer abfallende Felsenküste an der Ostseite umrunden. Die tausende von Kilometern anrollenden Ozeanwellen werden von den Felsen zurückgeworfen und das ganze fühlt sich an wie am Steuer stehen und gleichzeitig Rodeo reiten.

 

Nach einigen weiteren Tagen in der Seglerszene der Taiohae Bucht reisse ich mich los und segle die kurze Distanz südwärts bis Ua Pou mit seinen spektakulären Vulkanbergspitzen. Aber eine Magengrippe hält mich für einige Tage in Hakahau fest, wo ich in der Bäckerei schnell zum Stammgast werde mit den buttrigen Croissants und dem schnellen WLAN. Ich wandere in die Hügel aber lande immer wieder in der Auffahrt zu irgendeinem Haus und finde nie den Weg über den Bergrücken ins nächste Dorf. Entlang des Wegs gibt es Bäume voller Limetten, Mango, Kokosnüsse, Brotfrüchte und Pampelmusen (eines meiner Lieblingswörter!).

 

Im nächsten Dorf Haka-HE-tau kommt nicht nur eine Silbe dazu sondern auch meine Freunde Sue und Paul mit Mili von Windchase. Paul und ich wandern drei Stunden den steilen Weg bergan zur zigarrenförmigen Felsnadel Poumaka und wieder runter durch Pinien-, Pandanus- (eine Art Palme auf Stelzenwurzeln) und Kokosnusswäldern. Wir besuchen den Garten des Schoko-Manns Manfred. Ein Deutscher Ex-Saunabesitzer und Helikopterpilot der vor etwa vierzig Jahren hierher ausgewandert ist, eine echte Prinzessin von den Marquesas geheiratet hat und begonnen hat Avocado, Limetten, Grapefruit, Sternfrucht und Kakaobäume sowie Kaffee- und Pfefferbüsche anzupflanzen.

 

Als kritischer Schweizer Schoko-Snob bin ich von seiner Schokolade beeindruckt, speziell von den ‘Ladykillers’: eine riesige Praline aus schwarzer Schokolade, gefüllt mit Passionsfruchtcreme - alles hier gewachsen, alles bio. Funktioniert auch bei Männern!

 

Meine Tochter kommt zu Besuch aus Europe für drei Wochen. Aber wegen der COVID Krise purzeln ihre Flüge alle durcheinander und ganz kurzfristig beschliessen wir, dass ich sie in Papeete abhole, damit sie nicht noch einen weiteren Flug in die Marquesas oder Tuamotus machen muss. Das bedeutet für mich direkt nach dem Beenden des Telefongesprächs loszusegeln: Eine  Überfahrt von 800sm direkt durch die Atolle der Tuamotus aber ohne Zeit, dort anzuhalten. Dank des Mara’amu (verstärkter Passatwind von Südost), der auch Regenböen mit sich bringt und mich den ganzen Weg auf Trab hält, schaffe ich das in 100 Stunden - neuer Moira-Rekord! 

 

Ich finde in der neuen knallvollen Papeete Marina einen Platz längsseits an der Mole und gönne mir ein paar Stunden Schlaf, bevor ich Tara am Flughafen abhole. Aber als ich in der Koje liege, kommt mir etwas seltsam vor: Erstmals seit fast drei Monaten liegt das Boot komplett ruhig und horizontal da!

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