· 

Alleine den Pazifik überqueren

Wegen der COVID Krise ist Panama seit Monaten im kompletten Lockdown und MitseglerInnen zu finden ist sehr schwierig. Aber manchmal können schwierige Umstände Positives bewirken. Die Herausforderung den Pazifik alleine zu überqueren reizt mich sehr!

 

Mit Hilfe einer Einkäuferin decke ich mich ein letztes Mal mit Lebensmitteln ein. Ich bin froh, Panama verlassen zu können, weil hier Regenzeit herrscht mit häufigen Wolkenbrüchen und Blitzschlag. Nachdem ich die Wind- und Strömungsvorhersagen noch einmal genau studiert habe, entscheide ich mich für eine Route, die zuerst nach SW bis etwas 3 Grad N des Äquators und dann den W Strom so lange folgt, wie er anhält und erst dann den Äquator überquert und direkten Kurs nach SW auf Nuku Hiva in den Marquesas nimmt.

 

Wir sind eine Gruppe von Booten, die zwar um etwa die gleiche Zeit startet, aber bald mit Abständen von 200 bis 600sm unterwegs sind. Wie ein anderer Skipper bemerkt: Die uns. nächsten Menschen sind wohl die Astronauten auf der ISS! Trotzdem gibt mir diese Gruppe das Gefühl hier draussen nicht ganz allein unterwegs zu sein. Gegenseitig jeden Tag die über Satellitentelefon und E-Mail übermittelten Positionsberichte zu lesen, macht viel Spass. Hier ein Auszug aus meinem Log nach etwa einer Woche auf See:

 

“Die ersten Tage nach dem Ablegen in Panama City sind schwierig, weil der Wind und die Wellen von SW kommen, genau da wo ich hin will. Und dann ist da die Gegenströmung und habe ich Gewitter und Blitze erwähnt? Für die ersten beiden Tage treffe ich zwar einen mitsetzenden SW Strom an, aber um weiter nach S vorzudringen, muss ich früher oder später den Gegenstrom überqueren. Da der SW Wind und folglich auch die Wellen in den nächsten Tagen zunehmen werden, entscheide ich mich, so schnell wie möglich gegen Wind und Welle nach S zu gelangen, um auszuweichen. Dies bedeutet während zwei Tagen und Nächten mehr oder weniger durch zu motoren, mit viel grünem Wasser an Deck. Im Nachhinein ist es die richtige Entscheidung, denn der Wind dreht bald auf S und ich kann mit W Kurs dem Strom folgen.

 

Am Nachmittag des sechsten Tages komme ich bei der Isla Wolf vorbei, einer der abgelegenen Galapagos-Inseln, die wegen COVID nicht angelaufen werden können. Ich suche nach einem Ankerplatz für einige Stunden, aber den gab es nicht. Die Insel besteht aus zwei halb versunkenen sichelförmigen Vulkankratern, die steil ins Meer abfallen. Trotzdem erhalte ich einen kleinen Einblick, wofür die Galapagos berühmt sind: Bereits einige Meilen vor der Insel fliegt mir ein Schwarm frecher Tölpel zur Begrüssung entgegen. Bei der Insel angelangt, müssen es gegen 100 Vögel sein, die meinen Mast umkreisen. Hätte ich nur nicht diesen Hitchcock-Film geschaut! An der Küste begegne ich gleich mehreren Delfinschulen, die offensichtlich sehr neugierig sind und mir gerne ihre akrobatischen Kunststücke vorzeigen. Später planschen auch noch drei Seelöwen nahe an meinem Heck. Es macht Lust, gleich ins Wasser zu springen und mit ihnen zu spielen. Was für eine phantastische Tierwelt - sie verdient allen Schutz, den sie kriegen kann!

 

Mich wieder auf das Leben auf See einzustellen, fällt mir dies Mal leicht. Seekrank werde ich nicht und ich liebe es, auf See zu sein. Das schwierigste ist das häufige Aufstehen in der Nacht, um alles zu überwachen. Aber ich kann ja tagsüber ein Nickerchen machen. Es macht mir viel Freude, alleine hier draussen auf dem weiten Ozean zu sein. Es ist eine einzigartige, schwierig zu beschreibende Erfahrung. Ich schätze es sehr, diese Reise nach meinem Gusto machen zu können, speziell in dieser schwierigen Zeit, wo die meisten Menschen stark in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind.”

 

Nach den Galapagos läuft das Strom-Förderband so richtig warm und die Rekord-24h-Etmale fallen von Tag zu Tag. 258sm in einem Tag sind Spitze, das sind über 10kn im Schnitt! Meine Strategie, so lange wie möglich N des Äquators zu bleiben, stellt sich als sehr schnell heraus und kurz bevor ich diesen in 127W überquere, hole ich meine Kiwi-Freunde von Windchase ein. Wir wollen uns mitten auf dem Ozean gegenseitig Geschenke übergeben. Das ist nicht so leicht, wie es scheinen mag, wir können nicht einfach aneinander festmachen im wilden Seegang. Also packe ich Bier, Gemüse und selbstgemachte Thunfisch-Hundekuchen in einen wasserfesten Sack und lasse ihn an einer langen Leine achteraus schwimmen. Sie fischen ihn heraus, leeren den Inhalt, füllen ihn mit ihren Überraschungen und ich hole ihn an der Leine wieder ein. Neben Kartoffelchips finde ich ein frisch gekochtes und noch warmes Reisgericht und eine Polarmütze mit Pelzbesatz und Ohrenklappen zusammen mit einem Schild: “Mir wurde empfohlen, diese Mütze zu tragen, es soll hier null Grad sein!” Toller Sinn für Humor!

 

Am nächsten Morgen um 06 Uhr 06 ist es soweit… ich setze die Mütze auf, quere auf die Südhalbkugel und darf mich jetzt Salzbuckel nennen. 

 

Seit dem Äquator habe ich nicht mehr viel Tierleben gesehen ausser den allgegenwärtigen fliegenden Fischen. Keine Tintenfische, Tölpel oder Sturmschwalben, aber einige der eleganten und einzelgängerischen Sturmtaucher und Gruppen von weissen Vögeln, die fast wie Tropenvögel aussehen, zeigten sich gestern.

Nachts stehe ich auf und trinke aus meiner Wasserflasche, nerve mich im Halbschlaf, weil mir der Deckel im Cockpit herunterfällt. Im Dunkeln greife ich danach, halte aber etwas Kaltes, Nasses und Schlüpfriges in der Hand… Mann, bin ich sofort hellwach! Es ist ein toter fliegender Fisch, der es bis hier hinein geschafft hat und leider hier verendet ist, armer Kerl!

 

Eine Nacht später habe ich eine magisches Erlebnis. Einige Delfine kommen zu Besuch und mir fällt auf, dass ich deren Blas vom Wellengeräusch unterscheiden kann und sie deshalb in dieser mondlosen Nacht bemerke. Alles was von ihnen zu sehen ist, ist ein grüner Schweif, verursacht durch fluoreszierendes Plankton, durch ihre Schwanzbewegung zum Leuchten angeregt. Wie Action Painting, welches nur für ein, zwei Sekunden sichtbar bleibt. Einfach wunderbar!

 

Am nächsten Tag kommt eine Schule von acht Delfinen vorbei, um während 30 Minuten in meiner Bugwelle zu spielen, eine lange Zeit. Diese haben kurze Nasen und es gibt keinen Absatz zwischen Nase und Kopf, nur eine gerade Linie. Einer ist schwer verwundet, schwimmt aber mit den anderen mit. Es sieht aus, wie wenn sich ein Tau oder Kabel um seinen Schwanz festgezogen und ihm tief ins Fleisch geschnitten hat. Vielleicht war er in einem Fischnetz gefangen? Ich hoffe, er überlebt!

In meinen Schränken gibt es dagegen Leben der unangenehmen Art. Gegen Ende der Überfahrt bin ich zurück in den feuchten Tropen, was Schimmel, Spak und Konsorten toll finden.

 

Übers Ganze gesehen gibt es auf dieser Überfahrt oft leichte Winde und der friedvolle Pazifik wird seinem Namen gerecht. Meine Leichtwindsegel Code 0 und Gennaker, Mr Pink genannt, helfen da sehr. Den ganzen Tag über ist Mr Pink oben und zusammen mit dem Strom zieht er uns kräftig gen W. Einige Tage vor Ankunft nehmen Wind und Wellen zu und es ist toll, auf dem Windmesser erstmals 20kn Wind (5 Beaufort) von hinten zu sehen. Während der Atlantiküberquerung war das so ziemlich der Durchschnitt! Im Schmetterling zu fahren (Genua und Grosssegel auf gegenüberliegenden Seiten) ist einfach, wäre da nur nicht das heftige Hin- und Hergeigen des Bootes. Festhalten!

 

Andere Boote haben Schwierigkeiten mit dem Getriebe, verstopften Treibstofffiltern, Generatoren, die nicht anspringen wollen, einem gebrochenen Grossbaum, Segelrisse usw. Zum Glück ist meine Schadensliste kurz: Der Code 0 hat einen Riss gekriegt und die Dieselfilter muss auch ich wechseln. 

 

An Tag 23 kann ich endlich ausrufen: “Ich hab’s geschafft!” Aber das fühlt sich nicht ganz richtig an. Ich war ebenso ein Passagier auf dieser Seereise und habe mich auf ein hochwertiges, für Blauwasserfahrt gebautes Boot, gute Ausrüstung, einen verlässlichen Autopiloten und die Unterstützung meiner Familie und Freunden, nicht zuletzt meiner Seglergruppe, verlassen können. 

 

Der Anker fällt morgens um 07 Uhr 30 in der Taiohae-Bucht auf Nuku Hiva. Die Ankunftszeit passt perfekt - bei Tagesanbruch kommt die Insel in Sicht; eine mächtige, beeindruckende, darf man sagen. Ich bin sehr dankbar hier zu sein!

Kommentar schreiben

Kommentare: 0