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Lockdown

Wie erleichtert wir sind als unsere 14-Tage-Quarantäne vor Anker ausserhalb der Shelter Bay Marina in Colon, Panama endlich vorüber ist! Wir geniessen Spaziergänge im tropischen Regenwald mit all seinen faszinierenden Bäumen, Vögeln und Affen - in der Marina lebt sogar ein ortsansässiges Vier-Meter-Krokodil. Schwimmen gehen eher nicht empfohlen!

 

Wir lernen eine Menge anderer Segler kennen und es ergeben sich viele Gespräche auf der Pier. Die beginnen oft etwa so: Was sind deine Pläne? Ach, ich geh’ erst aufs Klo und dann mach ich einen Mittagsschlaf! Eine weiter in die Zukunft reichende Antwort erscheint absurd, wenn das ganze Land, in dem du dich aufhältst, sich im totalen Lockdown befindet: Frauen und Männer ist es nur alle zwei Tage während zwei Stunden erlaubt, das Haus zu verlassen. Diese zwei Stunden werden durch die letzte Ziffer im eigenen Pass bestimmt. Kinder müssen die ganze Zeit zuhause bleiben! Wochenenden und Nächte unterliegen einer strikten Ausgangssperre für alle und der Verkauf von Alkohol ist verboten.

 

Trotz all dieser Einschränkungen erweist sich die Marina Gemeinschaft als eine Art Blase weil es keinen direkten Kontakt zur Aussenwelt gibt, da die Marina abgelegen in einem Naturpark liegt. Der Marinamanager ist sehr geschickt darin, allen ein grösstmögliches Mass an Freiheit zu erlauben und gleichzeitig die Einhaltung von Regeln mit gutem Augenmass einzufordern. So können wir im Wald und am Strand spazieren oder joggen gehen, uns mit anderen Seglern treffen, natürlich mit Abstand halten. Mit fortschreitender Zeit ergeben sich sogar einige Pierparties, Tätowier-Sitzungen (nicht ich!) und ein Ratatouille-Wettkochen!

 

Nach einigen Tagen Erholung mit viel Nichtstun mache ich mich endlich an die lange Liste mit Bootsarbeiten. Es beginnt recht unschuldig mit einer neuen Holzkiste für die Starterbatterie des Generators. Anschliessend machen wir Unterhalt an der Hauptmaschine und dem Generator. Die Menge Schweiss, die ich im Maschinenraum produziere, würde jeden Saunagänger stolz machen! Als nächstes ersetze ich fehlende Holzdübel im Teakdeck. Wo ich nun mal auf allen Vieren bin, bemerke ich viele undichte Fugen, wo möglicherweise Wasser ins Deck eindringen kann. Nachdem ich die alte Fugendichtung entfernt und gereinigt habe, wir die Fuge mit neuem Silikon gefüllt. Anschliessend wird der Überstand weggeschnitten und das Deck leicht angeschliffen. Dies wird zu einem Riesenjob, der über 100 Arbeitsstunden dauert! Aber jetzt sieht das Deck toll aus und fühlt sich beim barfuss Gehen so glatt wie nie zuvor an, fast zu glatt…

 

Während all dem beobachte ich die Situation im Südpazifik. Alle Inselgruppen sind wegen der Pandemie auf unbestimmte Zeit geschlossen. Es ist schwierig, belastbare Informationen aus erster Hand zu erhalten. Nachdem es nur sehr wenige Fälle gibt, zeigen sich zaghafte Zeichen der Öffnung. Nach langem Hin und Her entscheide ich mich für die Weiterfahrt in den Pazifik sobald möglich. Dies bedeutet erst mal das Boot an Land zu stellen und in einer Woche von intensiver Arbeit notwendige Unterhaltsarbeiten zu erledigen. Dazu gehören die Antifouling-Unterwasserfarbe zu erneuern, Propeller und Schaft zu reinigen, den Rumpf und Aufbau zu polieren und versiegeln, den Ankerkasten und die Kette zu reinigen - um nur einige zu nennen. Gleichzeitig lasse ich das Vorsegel reparieren, lasse ein neues Bimini (Sonnenschutz fürs Cockpit) nähen und die Vorhänge in der Kabine werden repariert.

 

Um den Panamakanal zu durchqueren tue ich mich mit zwei anderen Segelbooten zusammen. Der 28. Mai wird als unser Transitdatum von der Kanalbehörde bestätigt. Plötzlich haben wir ein festes Datum. Was für eine seltsame Erfahrung nach so langer unbestimmter Zeit eine feste Frist zu haben!

Wieder in den Reisemodus zu wechseln braucht immer seine Zeit, nachdem man für eine Weile an einem Ort fest gelegen hat. Dies besonders weil ich für über zwei Montae in der Shelter Bay Marina verbracht habe und viele freundliche, hilfsbereite und grosszügige Menschen kennenlernen durfte, die einen ähnlichen Lebensstil haben und in einer ähnlichen Situation stecken. Mich von allen zu verabschieden fällt mir hier besonders schwer!

 

Time to pause - In der Marina haben wir eine Art Denkmal (denk mal!) errichtet, um an diese spezielle Zeit zu erinnern. Wir sind alle davon betroffen und können einander helfen. Es ist mir bewusst, wie viel Schmerz, Angst und Tod diese Pandemie weltweit verursacht. Trotzdem frage ich mich, was diese Zwangspause für die Menschheit bewirken könnte. Ausser der ernsten gesundheitlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen in Gegenwart und Zukunft, könnten sich auch unschätzbare Vorteile daraus ergeben. Jede und jeder muss sein Leben neu betrachten und neue Wege können sich ergeben. Wenn wir offen eingestehen, was wir als Menschheit uns selbst, einander, den Tieren und der Natur im Allgemeinen antun, mag das erst sehr schmerzhaft sein. Aber Veränderungen können oft sehr schnell und in überraschend positiver Richtung vonstatten gehen.

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