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Karibik, Teil 4

In Curaçao kommt alte und neue Crew an Bord: Selma und Denis sind zurück, das holländische Paar, das bereits im Januar mit dabei war sowie Judy und John, ein kanadisches Paar, das gerne etwas Blauwasser-Erfahrung sammeln möchte.

 

Nachdem wir uns nochmals mit europäischen Lebensmitteln (leider auch zu europäischen Preisen) eingedeckt haben, geht es gleich los ans Westende von Curaçao, wo wir über Nacht vor einem Strand ankern. Tags darauf gleich weiter bis ans Westende von Aruba, wo wir einen Ruhetag einlegen und auf günstigen Wind warten.

Auf der Überfahrt nach Santa Marta, Kolumbien leiden alle Gäste mehr oder weniger unter Seekrankheit. Judy verbringt 37 von 38 Stunden in ihrer Koje, die eigentlich Denis gehört. Grosszügigerweise hat er ihr aber seine Salonkoje überlassen. Die Kojen in der Schiffsmitte weisen am wenigsten Bewegung auf, weil sie nahe am Schiffsschwerpunkt liegen. Aber auch das hilft ihr leider nicht viel.

 

Im lebendigen Santa Marta gefällt es uns auf Anhieb. Wir lassen das Boot einige Tage hier in der sicheren Marina stehen und reisen per Bus nach Cartagena, was ein toller Ausflug wird. Die im spanischen Kolonialstil erhaltene Altstadt ist wunderschön, aber auch ziemlich touristisch. Trotzdem wächst uns die Stadt schnell ans Herz, besonders auch der Stadtteil Getsemani, wo unsere Air BnB Wohnung liegt. Hier gibt es viele halbverfallene Häuser mit coolen Restaurants, Künstler-Ateliers und Street Art vom Feinsten! Gut möglich, dass dieses Quartier in einigen Jahren gentrifiziert wird, wie oft zu beobachten.

Zurück an Bord unternehmen wir noch einen Ausflug ins Hinter- und Hochland von Santa Marta. Die Andenausläufer von bis zu 4500 Metern über Meer kommen der Küste sehr nahe, wo das Meer schnell bis 4000 Meter tief ist. Diese Gegebenheiten machen dieses Segelgebiet zu einem der berüchtigsten der Weltmeere: Winde können durch die Berge stark beschleunigt werden, was wiederum hohe Wellen bewirken kann, teilweise noch verschlimmert durch gegenläufigen Strom. Wettervorhersagen sind mit Vorsicht zu geniessen und ich beschliesse, einen Tag länger zu warten, bis Wind und Wellen etwas abnehmen.

 

Natürlich haben wir mit Sorge die rasante Ausbreitung des Corona-Virus verfolgt und bald  holt es uns nun ein: Am 11. März wird in Kolumbien der erste Fall in der Hauptstadt gemeldet und abends kurz vor unserer geplanten Abfahrt erfahren wir, das die autonomen San Blas Inseln in Panama beschlossen haben, keine weiteren Fahrtenjachten zuzulassen um die indigene Bevölkerung vor dem Virus zu schützen.

 

Wir legen trotz aller Widrigkeiten ab und ankern nach etwa 36 Stunden Überfahrt bei frischem Wind und 2.5 bis 3 Meter Seegang im Lee eines Riffs und einer vermeintlich unbewohnten Insel namens Olosicuidup (ich musste den Namen auch nochmals nachschlagen). Die etwa 200 Meter lange und von etwa ebenso vielen Kokospalmen bewachsene weisse Korallensandinsel wird von einem einzelnen Mann in seiner Palmwedelhütte bewohnt. Sogleich kommt er in seinem Einbaum mit selbstgeschnitztem Paddel längsseits und will uns Langusten verkaufen. Wir sind in einem Über- und Unterwasser-Paradies gelandet! Wir hatten bereits damit gerechnet; nach zwei Tagen kommt die Küstenwache mit der Gesundheitsbehörde vorbei und weist uns freundlich aber bestimmt weg.

 

John und Judy haben einen Flug ab Panama gebucht und wir beschliessen, sie direkt dorthin zu fahren, auch wenn es erst mal 14 Tage in Quarantäne bedeutet. Ab 16. März liegen wir vor Anker direkt vor der Shelter Bay Marina in Colon, Panama am atlantischen Eingang des Panamakanals und dürfen uns nicht von Bord bewegen. Die Kanadier verpassen deshalb erst ihren Flug, können aber nach einer Woche von einem kanadischen Botschaftsangestellten an den Flughafen eskortiert werden und von dort direkt nach Hause fliegen. Selma, Denis und ich müssen weiter ausharren. Nicht einmal in Ruhe ums Boot schwimmen kann man, denn es soll hier Krokodile geben… grosse!

Doch die Marina versorgt uns toll mit Lebensmitteln und lokalen SIM-Karten mit Datenplan, das Überleben ist also gesichert! Am Samstag 28. März dürfen wir endlich in der Marina festmachen, wo wir von anderen Seglern und dem Personal herzlich empfangen werden. 

 

In einigen Tagen hat sich die Welt grundlegend verändert: Der Flughafen, der Kanal für Segelschiffe und die meisten Geschäfte sind geschlossen unter einer strikten Ausgangssperre. Wir haben aber Glück im Unglück, denn die Shelter Bay Marina verdient in diesen Tagen ihren Namen besonders. Ist sie doch in einer ehemaligen Amerikanischen Militärbasis gelegen, die ihrerseits von einem Tropenwald-Nationalpark umgeben ist. Die nächste Ortschaft ist weit entfernt und einkaufen kann man im kleinen Laden in der Marina selber. Wir können uns also selber gut schützen vor dem Virus, wenn nur alle mitmachen. Zum Glück sind vor allem Segler der vernünftigen und flexiblen Sorte vor Ort und es ist eine tolle, wenn auch unfreiwillige Gemeinschaft, die einander gerne aushilft.

 

Für mich wie für die meisten Menschen gilt es nun erst einmal abzuwarten, Standortbestimmung vorzunehmen und zu sehen, welche Möglichkeiten sich ergeben. Eine Krise ist immer auch eine Chance!

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