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Atlantiküberquerung

1. Tag 6. Dezember

„Ships and men rot in port.“ Lord Nelson

Die Aufregung steigt bei der ganzen Crew seit einigen Tagen und obwohl es uns auf Brava sehr gut gefällt, ist es nun Zeit die grosse Überfahrt zu beginnen. Vor dem Ablegen üben wir noch ein Mann-über-Bord-Manöver. Anton springt dazu über die Seite und nachdem wir mit der Lifesling (Bergeschlinge an einer Leine befestigt) Verbindung mit ihm hergestellt haben, heben wir ihn mit Hilfe eines am Baum befestigten Flaschenzugs über die Leeseite aus dem Wasser. Wir lernen dabei, was gut funktioniert und was nicht - wertvoll!

Der Atlantik empfängt uns mit moderatem Wind und Wellen und alle sind froh über diesen sanften Einstieg. Über Nacht legen der Wind und danach auch die Wellen stetig zu, am Morgen sind es bis gegen 25 Knoten (6 Beaufort) und 2,5 bis 3m Welle. Moira läuft vor Schmetterling (Grosssegel an Backbord, Genua mit Spinnakerbaum an Steuerbord ausgestellt) mit 7 bis 8 kn gen Westen, unterstützt von einem mit 1,5 kn West setzenden Strom. So haben wir nach den ersten 24 Stunden bereits 187 sm zurück gelegt. 7.8 kn im Schnitt - neuer Rekord!

 

2. Tag 7. Dezember

Fliegende Fische

Wir beobachten hier draussen viele fliegende Fische, die einzeln oder in Schwärmen übers Wasser vor uns flüchten, leider landen vor allem nachts einige manchmal an Deck und wir finden sie oft erst zu spät und müssen dann eine Seebestattung vornehmen… Vereinzelt beobachten wir Sturmschwalben und -segler. An der Nordseite von Brava gab es auch einige Paare der weissen Tropenvögel mit der langen und eleganten Schwanzfeder. Eben hat uns eine Schar Delfine besucht und eine Weile vor dem Bug springend begleitet. Immer wieder eine Freude!

Die Knoblauch-Situation

Ich übernachte im Salon und werde morgens um drei von einem unangenehm beissenden Knoblauch-Geruch geweckt. Was ist hier los? Franzi hat den Kühlschrank geöffnet… 

In der Vorstart-Aufregung wurde ein Menüplan für die ersten paar Tage erstellt und in weiser Voraussicht die meisten Zutaten dazu bereits gehackt, inklusive grosszügige Mengen an Knoblauch und Zwiebeln. Diese haben nach 24 Stunden im Kühlschrank und verpackt in (fast) luftdichten Plastikbehältern und (fast) dichten Plastiktüten eine solche Geruchs-Intensität erreicht, dass selbst die Butter jetzt nach Knoblauch schmeckt…

 

3. Tag 8. Dezember

Duschen unter erschwerten Umständen 

Wind 20kn, Wellen 2.5-3m von achtern und seitlich, 27 Grad Celsius

Heute Morgen habe ich beschlossen, nach zwei durchschwitzten Tagen und Nächten meinen hygienischen Pflichten nachzukommen und eine Dusche zu nehmen. An Bord von Moira ist dies komfortabel möglich: Es stehen zwei abtrennbare Duschkabinen in zwei Bädern zur Verfügung. Wasser steht dank Wassermacher genügend zur Verfügung und für Warmduscher gibt es einen Boiler.

Auf See wird eine Dusche zur Herausforderung: Ich verkeile mich in der Duschkabine und halte Gleichgewicht, während dem ich mich einseife. Alles ist nun noch rutschiger, aber ich schaffe es ohne Zwischenfall bis zum Abtrocknen. Ich lüfte den Baddampf und öffne dazu das Fenster auf der Luvseite (Luv = Wind und Wellen zugewandte Seite) …es wird jetzt sicher nicht gleich eine Welle an der Bordwand hoch klatschen und durchs Fenster spritzen! Nun, ich habe mich dann nochmal abgeduscht und das Bad gründlich vom Salzwasser befreit…

 

4. Tag 9. Dezember

Der Passatwind bläst verlässlich aus nordöstlich bis nord-nordöstlicher Richtung mit 5 bis 6 Beaufort, was Moira zügig gen Westen voran bringt. Die Wellen sind eher eine Herausforderung. Die meisten kommen aus nordöstlicher Richtung wie der Wind, aber ab und zu kriegen wir seitlich und von Norden kommend lang laufenden Schwell aus dem Nordatlantik herein und einige Crewmitglieder behaupten steif und fest, auch welche aus Südosten beobachtet zu haben. Wenn Wellen sich kreuzen, kann das eine sehr unangenehme und unvorhersehbare See produzieren. 

Der Steuermann hat dann Mühe, die Wellen so anzusteuern, dass das Boot weniger rollt. 

Sich in der Kabine zu bewegen, geschweige denn eine Mahlzeit zuzubereiten, wird zur Achtsamkeits-Übung und jeder findet seine Tricks, um sich in der Koje zum Schlafen entspannen zu können. Es ist wirklich toll zu sehen, wie sich alle Crewmitglieder mit dieser Herausforderung zurecht finden und den Sinn für Humor behalten! Anton hat sich auch weitgehend von seiner Seekrankheit erholt.

Wir können gleich zwei Meilensteine vermelden heute: Um Mitternacht haben wir mit 422sm bereits einen Fünftel der Distanz zurück gelegt und am Nachmittag ist es nach drei vollen Tagen auf See bereits ein Viertel.

 

5. Tag 10. Dezember

Melone über Bord!

Wir haben in der Kabine und draussen unter den Solarpaneln Netze wie Hängematten angebracht, um Früchte und Gemüse aufzubewahren. Bei der täglichen ‚Reife-Prüfung‘ stellen wir fest, dass die Bananen alle reif sind. Wir haben uns bereits gewappnet für dieses Szenario und alle möglichen Bananen-Rezepte herausgesucht. Mirjam backt uns ein sehr schmackhaftes Bananen-Brot. Sie ist es auch, die plötzlich feststellt, dass die Wassermelone aus dem Netz fehlt… Sie muss beim Hin- und Herschwanken des Bootes aus dem Netz und in die See gerollt sein! 

Das Wetter zeigt sich heute von seiner bewölkten Seite und ab und zu gibt es kurze Regenschauer verbunden mit Windböen und Winddrehern. Wir sind alle froh, etwas weniger Sonneneinstrahlung abzukriegen. Gerade in den Mittagsstunden brennt sie stark herunter und man muss sich mit Kleidung und Sonnencreme gut schützen.

Kurz nach Mittag haben wir bereits 715sm zurück gelegt, was einem Drittel der Distanz entspricht - und das in weniger als vier Tagen! Das Etmal ist trotz einer Stunde Regenflaute rekordmässig hoch mit 187sm in 24 Stunden.

Unser erstes Technik-Opfer ist der Inverter, der ein Lüfterproblem signalisiert. Glücklicherweise haben wir noch den Generator, der direkt 220V Wechselstrom herstellt. Dieser wird wiederum benötigt, um mein Laptop aufzuladen, mit dem ich Wetterdaten und E-Mail herunterladen kann.

 

6. Tag 11. Dezember

Wir sind alle etwas groggy, weil wir diese Nacht arg durchgeschüttelt wurden in unseren Kojen und es auch viel Lärm in der Kabine gab: Eine Welle, die an die Bordwand klatscht und sich wie Donner anhört, Geschirr, dass im Schrank hin- und her geworfen wird, die Duschwand, die sich gelöst hat und herumschlägt usw.

Pedro, unser Autopilot hat teilweise auch Mühe, die Wellen auszusteuern. Ein paar Mal schlagen wir kurz quer. Es ist darum oft besser, wenn man von Hand steuert. Das belastet auch die Batterien weniger, denn an Bord muss alle verbrauchte Elektrizität wieder selber produziert werden. Zwei Kühlschränke und ein Autopilot, der etwa 70% der Zeit läuft, verbrauchen mehr Strom, als unsere Solarpanels tagsüber produzieren können. So müssen wir jeden Tag unseren kleinen Dieselgenerator zwei bis vier Stunden laufen lassen, um die Batterien nachzuladen und den Wassermacher zu betreiben und unseren Wassertank zu füllen.

 

7. Tag 12. Dezember

Heute ist Feier-Tag! Irgendwann im Laufe des Tages werden wir die Hälfte unserer Atlantiküberquerung geschafft haben und weil man bis am Ende einer Überfahrt nie so genau weiss, wie viele Seemeilen man zurücklegen wird und wann folglich die Hälfte davon absolviert wurde, fangen wir sicherheitshalber bereits am Morgen mit feiern an.

Wir beginnen den Tag mit Bananen-Pfannkuchen. Dazu gibt es wahlweise Ahornsirup, Butter, Marmelade, Nutella oder Erdnussbutter drauf. Das Brot ist im Ofen und anschliessend schieben wir grad noch einen Schokoladenkuchen in die Röhre. 

Nach genau sechs Tagen haben wir den halben Weg zurück gelegt und so wird nach dem Mittagessen der Champagner entkorkt und angestossen, nachdem wir Neptun, Poseidon, Rasmus, Äol und all ihren Kumpanen einen gebührend grossen Schluck geopfert haben. Wir drehen bei, um das Boot zu stoppen ohne die Segel zu bergen und nehmen alle ein kurzes Bad mitten im Atlantik!

Die Crew möchte meinen Miso probieren und endlich die Glasnudeln aufessen, die schon lange von Schapp zu Schapp wandern. Dazu will ich Tempura servieren. Nicht eine meiner besten Ideen… man stelle sich vor: Draussen ist es etwa 28 Grad warm und schwül, drinnen wegen der Wärme vom Gasherd und -ofen etwa 35 Grad, dazu kommt der unvorhersehbare Seegang. Lange schaffen wir es, das heisse Wasser im Topf und das heisse Öl in der Bratpfanne zu behalten, aber schliesslich wird die Tasse mit der leicht verdünnten braunen Misopaste ein Opfer eines Seitenklatschers, der das Boot wild von Seite zu Seite gieren lässt. Wir haben nicht genug Hände, um uns selbst und alles andere festzuhalten. Braune Sosse überall in der Pantry und ein Ausruf des Skippers, den ich an dieser Stelle lieber nicht wiedergeben will.

Welle und Wind lassen über Nacht etwas nach und da ich meine Wache bereits am frühen Abend geleistet habe, kann ich wieder einmal länger durchschlafen.

 

8. Tag 13. Dezember

Heute ist Wäschetag: Meine ‚Waschmaschine‘ besteht aus einem grossen wasserdichten Sack, der mit Wäsche, Waschmittel und Wasser gefüllt und verschlossen wird. Anschliessend lege ich ihn flach aufs Achterdeck und trample auf ihm herum, während ich mich mit den Händen am Achterstag und Träger festhalte. Das Heck schwankt im Seegang wild von Seite zu Seite und schwingt auch unregelmässig seitwärts aus. Spätestens nachdem ich das Seifenwasser auf dem nun rutschigen Deck ausgeleert habe und die Wäsche mehrmals spülen will, wird die ganze Übung zur Akrobatiklektion. Zum Glück bleibt alles an Bord inklusive des Skippers. Erwähnenswert wäre da noch ein weiterer Seitenklatscher, der einen Teil meiner an der Reling zum Trocknen aufgehängten Wäsche gleich wieder mit Salzwasser durchtränkt…

Am Abend überraschen uns unsere Schwedischen Freunde mit einer kleinen Sankta Luzia Feier komplett mit traditionellen Liedern ab Playlist, Glögg (pfefferiger Glühwein), Pepparkakkor (Gewürzkekse) und Blauschimmelkäse aus der Tube zum Draufschmieren. Gut, nach Kalle’s Kaviar, einschlägig riechendem Dorschrogen aus der Tube zum Frühstück, kann uns so schnell nichts mehr schocken! Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten… Herzlichen Dank Elisabet und Anton für diesen besinnlichen Moment mitten auf dem Atlantik.

 

9. Tag 14. Dezember

Essential Speech

Für heute hat die Crew vereinbart, nur miteinander zu reden, wenn absolut notwendig und den Tag zu nützen für Stille, Meditation, lesen, schreiben oder die Seele baumeln lassen. Dito für den Blog…

10. Tag 15. Dezember

Die Schweigezeit kommt gut an und wir beschliessen, dies auch am zweiten Tag so zu halten. Kommunikation kann auch oft ein sozialer Zwang sein und es tut gut, für einmal davon befreit zu sein.

Bord-Tagebuch: Drei Viertel der Strecke sind zurück gelegt, das Sargasso-Gras wird grösser und häufiger, einzelne Seevögel kommen kurz vorbei, die Temperatur steigt tagsüber über 30 C, die Wassertemperatur auch. Putztag auf dem rollenden Boot: Pantry, Kühlschränke, Bad und WC, staubsaugen. Kurz nachdem die Küche geputzt wurde, erleben wir das zweite Dampfkochtopf-Linsen-Desaster: Durch das Überdruckventil werden die Linsen als feiner Nebel gleichmässig versprüht. Noch mal Küche putzen!!!

 

11. Tag 16. Dezember

Wir alle sind etwas hin und her gerissen. Einerseits sind wir froh, wenn die wilde Rollerei bald aufhört und man etwas hinstellen kann im Vertrauen darauf, dass es auch dort bleibt und nicht durch die Gegend fliegt und wir wieder mal eine Nacht durchschlafen können.  Andererseits gefällt allen die Überfahrt so gut, dass sie gerne noch etwas auf dem Ozean bleiben würden, nur leider ist der bald zu Ende… Besonders die Nachtwachen haben es allen angetan: Alleine nachts für ein paar Stunden im Cockpit verbringen unter dem Sternenhimmel und im Mondschein dahingleiten…

Wir sind immer wieder darüber erstaunt, welche günstigen Wind- und Strömungsverhältnisse wir antreffen und wie rasch wir vorwärts kommen. Der Wind kommt aus Ost- bis Ost-Nord-Ost und bläst sehr konstant mit 18 bis 25 Knoten, zuweilen etwas weniger oder mehr. Der Strom setzt mit 1 bis 1.5 Knoten nach Westen, was uns auch sehr hilft. Die Wellen sind zwischen 2,5 und 3 Meter hoch und kommen meistens von hinten, zuweilen etwas schräg von der Seite, was das Boot ein paar Mal arg schlingern lässt, bevor es wieder ruhiger weiter schwankt…

Die gefürchteten Regenschauer mit starken Windböen und Blitzschlag sind nicht eingetroffen und die grossen Sargassogras-Wiesen, in denen es kaum ein Vorwärtskommen geben soll, sind ausgeblieben.

 

12. Tag 17. Dezember

Ein neuer Rekord: Wir schaffen zum ersten Mal 200sm (370km) in 24 Stunden, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 8 1/3 Knoten entspricht. Moira rocks! Überhaupt ist die Stimmung heute aufgekratzt, morgens um 10 Uhr stellen wir fest, dass es nur noch 100sm bis Barbados sind und wir die vielleicht sogar noch am heutigen Tag hinter uns lassen können und vor Mitternacht in Bridgetown ankommen. Zudem gab’s zum Frühstück frisch gebackenen Zopf und zum Mittagessen selbst gemachte Veggie-Burger à la capitaine. Das ist ein Gourmet-Schiff hier!

Wir machen nach 11 Tagen und 10 Stunden an der Zollpier von Bridgetown in Barbados fest. In dieser Zeit haben wir total 2120 Seemeilen (fast 4000km) zurück gelegt, nur drei davon unter Motor. Dies entspricht einer sagenhaften Durchschnittsgeschwindigkeit von 7,8 Knoten.

Wir fallen uns in die Arme und sind alle etwas erstaunt, wie leicht die Überfahrt trotz allem war.

Danke, Moira, dass du uns so sicher und rasch über den Ozean befördert hast!

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