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Überfahrt nach Porto Santo und Madeira

Halbwind bedeutet der Wind und die Wellen kommen von der Seite und das Boot macht schnelle Fahrt, beim Amwindkurs kommen Wind und Welle schräg von vorn, was schwieriger zu steuern ist, weil das Boot stärker krängt (schräg liegt) und bei zunehmendem Wind auch ständig nass wird, da der Bug die Wellen durchschneidet, welche dann unablässig über das ganze Boot spritzen.

 

Es wird meine erste längere Seepassage einhand sein. Wer regelmässig diesen Blog liest, weiss (hoffentlich noch), dass dies so viel wie alleine bedeutet. Gut 500sm oder knapp 1000km sind es bis Porto Santo oder vier Tage und drei Nächte. Ich freue mich darauf!

 

Wie erwartet gibt es viel Wasser an Deck, aber mal abgesehen von einigen Tropfen, die sich auch unter Deck geschlichen haben, verläuft Freitag, der 13. September unheil-los. Ja, wir Seeleute sind SEHR abergläubisch…

 

Die Weite des Himmels und des Meeres sind schwer zu beschreiben, ebenso die Einfachheit. Die Ablenkungen reduzieren sich drastisch, hier draussen gibt es keinen Handy-Empfang und kein Internet, auch das Satellitentelefon wird nur alle paar Tage kurz eingeschaltet, um Wetter herunter zu laden und meine Familie und Freunde kurz wissen zu lassen, dass es mir gut geht. Der Geist beruhigt sich von alleine und ich beginne eine tiefe Ruhe zu schmecken und es gibt immer weniger Worte, nur mehr Sein. Ich kann gut verstehen, warum viele Hochseesegler fast süchtig werden danach und immer wieder für längere Seestrecken und auch alleine aufs Meer wollen.

 

Unterwegs begegne ich nur wenigen Tieren. Da sind einerseits die oft auf Hochsee anzutreffenden eleganten Sturmsegler, auf den Azoren ist die Unterart der Gelbschnabel-Sturmsegler heimisch, deren Ruf ein bisschen an quengelnde Kleinkinder erinnert. Kurz vor Porto Santo schrecke ich mit meiner Bugwelle einen grossen fliegenden Fisch auf und gleich anschliessend beobachte ich zweimal Walblas, dann ist der Wal wohl abgetaucht.

 

Die Südküste Porto Santos empfängt einen mit einem sehr langen sichelförmigen und goldgelben Sandstrand, vor dem wir Segler ankern dürfen. Ich lasse in der Abenddämmerung am Sonntag, 15. September meinen Anker auf den Sand fallen und erst am nächsten Tag fällt mir das türkisfarbene, saubere und sehr klare Wasser ums Boot auf. Erst geniesse ich mal meine Abgeschiedenheit und erhole mit ausschlafen und schwimmen. Es eilt gar nicht so mit der Rückkehr in die Zivilisation. Ein Boot der portugiesischen Hafenpolizei kommt längsseits und fordert mich freundlich aber bestimmt auf, doch mit dem Dingi in den Hafen zu fahren und mich dort in ihrem Büro anzumelden. Alle Formalitäten laufen hier sehr entspannt ab, aber Vorschrift ist Vorschrift!

 

Insgesamt verbringe ich fast eine Woche in Porto Santo, so angenehm ist es hier. Es gibt mir wieder mal etwas Zeit einige Arbeiten am Boot zu erledigen. Mein aufblasbares Dingi geht jeweils über Nacht in den Barbapapa-Zustand über, weil es ständig irgendwo Luft verliert und neuerdings hinten auch noch Wasser in den Innenraum einlässt. Zwar wurde bei der Herstellung wohl ziemlich gutes PVC-Material verwendet, was man vom Leim der Nähte nicht behaupten kann. Made in China, noch Fragen? Nach einer weiteren Leimorgie, von der alle Klingen meines Taschenmessers und alle von meinen zehn Fingern auch betroffen sind, ist das eindringende Wasser wenigstens ein bisschen eingedämmt.

 

Am nächsten Tag miete ich mir ein Fahrrad und tobe mich auf einer kleinen Rundfahrt über die Hügel (und Täler) dieser sehr trockenen Insel aus. Sehr trocken? Über den Hügeln stehen heute die Wolken und es beginnt sogar etwas zu nieseln für kurze Zeit. Es ist toll, wieder einmal in die Pedale zu treten, auch wenn mein Puls und Atemrhythmus bedenklich hoch sind, wie schon lange nicht mehr.

 

Es ist toll zu sehen, dass hier wie auch auf den Azoren bei der Energiegewinnung Anstrengungen in Richtung erneuerbare Energien unternommen werden. Es gibt einige Windräder, eine grössere Solaranlage, doch noch scheint ein Grossteil der Elektrizität von riesigen und ohrenbetäubend lauten Dieselgeneratoren erzeugt zu werden. Neben dem Kraftwerk in Marinanähe stehen eine ganze Reihe von hohen Glaszylindern, die mit einer grünen Flüssigkeit befüllt sind und in denen Blasen aufsteigen. Diese wecken meine Interesse und mit meinen beschränkten Portugiesisch-Kenntnissen erfahre ich, dass es sich hier um eine Anlage zum Binden des CO2 handelt. Was wohl anschliessend mit den vielen Algen geschieht?

 

Nach einigen Tagen mehr oder weniger windstillen Tagen steht der Wind gut um die knapp 30sm kurze Strecke nach Madeira rüber zu segeln. Das haben auch einige andere Segler gemerkt und es fühlt sich ein bisschen an wie eine Regatta. Mit Hilfe des Code 0, einem grossen Leichtwindsegel macht Moira gute Fahrt und eines ums andere überholen wir die anderen Boote. Der Ostzipfel von Madeira besteht aus einem schmalen Rücken von zackigen Felsen und einer davon hat ein grosses Loch und in der Bucht davor ankere ich. Das Wasser ist sehr klar und warm, lädt ein zu ausgiebigem Schnorcheln. 

 

Gegen Abend mache ich in der Quinta do Lorde Marina fest, einer feschen Marina mit Hotels, Ferienwohnung, Infinity Pool und Kapelle. Das Setting ist dramatisch, über dem Hafenbecken erhebt sich ein schwarzroter Lavaberg. Hier wasche ich erst mal all das Salz von Deck, den Segeln und dem Rigg ab. Wo immer ich in den letzten Tagen das Boot berührte, hatte ich nachher salzige Hände!

 

In den letzten Tagen und Wochen treffe ich oft dieselben Boote unterwegs. Es scheint alle bewegen sich südwärts mit dem heranrückenden Herbst und viele haben Pläne, gegen Ende Jahr den Atlantik zu überqueren, genauso wie ich.

 

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