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Azoren, Teil 2: Sao Miguel und Santa Maria

Speziell die letzten paar Meilen mit gegenlaufendem Wind und Strom lassen unsere Maschine schwer arbeiten, denn die Wellen sind kurz, steil und folgen sehr nahe aufeinander. So knallen wir mit dem Bug immer wieder in die Wellen und verlieren fast unsere gesamte Fahrt. Auch ein kleiner Frachter hat Mühe, überholt uns aber trotzdem und wir schleichen in seinem Kielwasser und Windschatten in den Hafen von Ponta Delgada auf Sao Miguel.

 

Aber auch in der Marina geht das Geschaukle am Liegeplatz weiter. Es gibt nicht viel Schutz, weil der Ostwind die Wellen direkt in die Hafeneinfahrt treibt. Wir bringen alle Fender zum Einsatz und binden Das Boot mit zusätzlichen Leinen fest. Neben uns liegt eine weitere Schweizer Jacht. Wir haben bisher noch nicht viele getroffen, auch wenn weltweit über 1000 unter Schweizer Flagge unterwegs sein sollen. 

 

Sao Miguel ist die grösste Azoreninsel und Ponta Delgada deren grösste Stadt. Das passt irgendwie gar nicht zu diesen wilden grünen Inseln. Doch auch hier gibt es einige Perlen: Die Gelateria Abracadabra zum Beispiel, bestes Eis aus Azorenmilch und -rahm mit exotischen Aromen von lokal gewachsenen und gereiften Früchten wie etwa Passionsfrucht. Oder das Café mit dem vielleicht etwas hochtrabenden Namen ‚Louvre Michaelense‘, welches in einem uralten Hutladen mit Glasvitirinen an den Wänden tolle Kuchen und Abends überraschende Tapas serviert. Oder das vegetarische Restaurant ‚Rotas‘, welches im Erdgeschoss eines typischen zweistöckigen Azorenhaus in einer engen Schankstube erlesenes Essen serviert. Nur leider konnten wir lediglich die anregende Karte studieren, es war nämlich für eine Woche ausgebucht. Da würde selbst das Haus Hiltl in Zürich neidisch, das älteste vegetarische Restaurant in Europa.

 

Am Samstagabend können wir gleich zwei Gratis-Konzerte anhören: Eine Gruppe aus den Kapverden singt auf portugiesisch vom Leben auf den Inseln, dazu afrikanische und karibische Töne. Anschliessend gibt es noch Anibal Raposo (siehe YouTube oder Spotify) mit seiner Band zu hören. Ein musikalisch sehr hochstehendes und eingespieltes Team, welches Azoreanische Musik mit Rock- und Bluestönen unterlegt und auch dem für Portugal so typischen Fado Tribut zollt.

 

Aber auch auf dieser Insel gibt es viel Natur zu entdecken. Wir mieten wiederum ein Auto für einen Tag und machen eine Tour zum spektakulär schönen Kratersee Lagoa da Fogo (Feuersee) in der Mitte, an die Nordküste zu den Teegärten Porto Formosa und Gorreana und decken uns mit dem milden Schwarz- und Grüntee ein. Ich oute mich hiermit als Teedrinker, verschmähe aber auch einen guten Espresso nicht. Der ist hier und in Portugal überall sehr gut und kostet - tief durchatmen - 85… was? Eurocent!

 

Auf dem Rückweg geht es noch ins Tal von Furnas, wo uns das riesige Aussen-Thermalbecken im noch riesigeren botanischen Garten Terra Nostra begeistert. Meine Badehose und -tuch zeugen  mit ihren orangen Flecken noch heute von dem hohen Eisengehalt des Wassers. Sobald das Eisen mit Luft in Berührung kommt, wird es zu Rost - ein bleibendes Souvenir! Am See gibt es Fumarolen (heises Wasser oder Wasserdampf tritt aus dem Boden und riecht nach Schwefel) zu bewundern, die der vulkanischen Tätigkeit unter der dünnen Erdkruste zeugen. Die Azoreaner nützen die Gratis-Hitze zum Kochen: Eine grosse Pfanne mit einem Fleisch-Gemüse-Eintopf wir zugedeckt und einfach in die Erde eingegraben. Oben kommt ein Schild drauf, welchem Restaurant der Topf gehört und nach einigen Stunden wird es inzwischen gar gekocht ausgegraben und den Gästen als ‚Cozido’ (gekocht) serviert. Ob es wohl nach Schwefel schmeckt? Wir haben’s nicht ausprobiert, die einschlägigen Restaurants waren uns etwas gar zu touristisch. Dafür gefiel es uns im ‚A Quinta‘ umso besser: Einfache Gerichte von der Mutter des Hauses gekocht und im Garten oder der offenen Loggia serviert.

 

Schweren Herzens muss Tara zurückfliegen, denn die Schule geht bald wieder los. Wir hatten eine tolle Zeit zusammen und mit hat beeindruckt, wie viel Verantwortung sie beim Segeln übernommen hat. Die sechstägige Überfahrt von den Azoren war ein gemeinsames Erlebnis, welches wir wohl nie vergessen werden. Danke dir, Tara!

 

Auf dem Nachbarboot in der Marina sind auch Schweizer und was machen Schweizer, wenn sie zusammen sind? Natürlich, sie gehen wandern! Wir nehmen den Bus nach Ribeira Chà an der Südküste und wandern entlang der Hügelhänge mit toller Aussicht auf die Südküste.

 

Aber nach etwa einer Woche werde ich ‚hafenkrank‘ und muss wieder auf See. Der Wind steht günstig, als weiter geht’s nach Santa Maria, meiner letzten Azoren-Insel. Nach einem entspannten Segeltag, wo ich auch gebührend von einer grossen Schar Delfine (mit Delfinkind) begrüsst werde, lande ich in der schnukeligen Marina vom schnukeligen Vila do Porto. Hier geht es wieder entspannter zu und her. Ich lerne diese wild gebliebene Insel auf einer Wanderung entlang der Südküste über Hügel zu tollen Stränden (ja, viele Höhenmeter) kennen. Nachdem ich im einzigen Strandrestaurant zu Mittag gegessen habe, frage ich nach der einzigen Busverbindung zurück: Um 18 Uhr! So lange will ich nun wirklich nicht bräunen und Wellen zählen und beschliesse Autostop zu machen. Der erste Wagen, der anhält ist ein freigewordenes Taxi. Glück gehabt!

 

Auf einer weiteren Inselrundfahrt per Auto - es gibt hier keine Fahrräder oder Roller zu mieten - lerne ich den höchsten Punkt und die Ostseite der Insel kennen (Pico Alto, 687m ü.M., noch Fragen?). Die hügelige Ostseite ist bewaldet und von steinmauerumrandeten Minifeldern mit weissgetünchten Minihäusern übersät - man wähnt sich ein bisschen in einem Brüder-Grimm-Märchen.

 

Auf der Südostecke sitzt auf einer hohen Felsnase der schmucke knallig rot-weisse Leuchtturm Farol de Gonçalo Velho. Am Strand darunter wurden bis Mitte der 1970er-Jahre die erlegten Pottwale zerteilt und deren Fett eingekocht. Für die Azoreanische Identität scheint diese Tradition heute noch wichtig zu sein, werden doch die traditionellen schmalen (!) und flachen (!) Holzboote mancherorts liebevoll unterhalten und auch noch aktiv gerudert und gesegelt. Glücklicherweise hat man auch hier verstanden, dass lebende Wale nicht zuletzt fürs Touristenbusiness (sprich Whale Watching) lukrativer sind.

Mein Wetterfenster für die Überfahrt nach Porto Santo und Madeira rückt näher und ich verabschiede mich von diesen wunderbaren, natürlich wilden Inseln mitten im Atlantik und von deren netten, ja herzlichen und irgendwie unverbrauchten Menschen nur ungern. Auf WIEDER-sehen!

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