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Überfahrt zu den Azoren

Überfahrt von Galicien in Nordwest-Spanien zu den Azoren

 

Tag 1, 18. August

Vor der einwöchigen Hochseefahrt gönnen wir uns eine Nacht in der ruhigen Marina des Club Nautico Portosin mit tollem Clubhaus, Abendessen mit Aussicht, WLAN und sauberen Duschen. Bei der Anmeldung kriegen wir eine Flasche galicischen Weisswein und einen Flaschenöffner geschenkt. Über Nacht zieht eine Regenfront über uns hinweg und am Morgen klart es langsam auf. Noch kurz den neusten Wetterbericht herunterladen und das Boot seeklar machen und los geht’s!

900sm oder 1650km, sechs Tage und Nächte ununterbrochen unterwegs, liegen vor uns: Meine Tochter Tara und ich sind etwas aufgeregt auf dieses Abenteuer, ist es doch für uns beide die bisher längste an einem Stück gesegelte Strecke auf dem Ozean. Delfine begrüssen uns gleich nach der Abfahrt - das muss ein Segen für unsere Fahrt sein!

Nachdem wir aus der Ria von Muros gemeinsam herausgesegelt sind, lassen wir die anderen Segelboote hinter uns zurück - sie alle fahren entweder nord- oder südwärts entlang der Küste, während wir aufs offene Meer steuern.

Kap Finisterre, die NW-Ecke der Iberischen Halbinsel wandert langsam achteraus. In der Antike hielt man dies für das Ende der Welt (lat. finis terrae). Wir gehen mal nachsehen!

 

Tag 2, 19. August

Zu Beginn einer Nachtwache denke ich wie oft, es gibt nichts Wunderbareres als hier draussen auf See zu sein! Am nächsten Morgen mit Schlafmangel tönt es dann eher so: Wessen Idee war DAS nun genau? Aber nachdem ich einigermassen ausgeschlafen bin, freue ich mich über den Sonnenschein, wärmere Temperaturen, blauen Himmel mit strahlend weissen Schäfchenwolken und der Atlantik hat ein tiefes, leuchtendes Blau, dass ich erst gar nicht zu beschreiben versuche! 

Zudem freue ich mich über 174 zurückgelegte Seemeilen in den ersten 24 Stunden (322km). Das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 7.25kn (13km/h). Das ist nicht viel an Land, aber recht schnell für ein verdrängendes Segelboot von fast 15 Tonnen. Ich glaube, das ist neuer Rekord - ohne Schiff und Crew über die Massen zu beanspruchen.

5000 Meter Wasser sollen es sein unter uns. Ob 5 oder 5000, es trägt uns, lässt uns dahingleiten, hat nichts Furchteinflössendes. Bei nur 5m würde ich mir anfangen Sorgen zu machen, dass wir bald auflaufen könnten!

Eine warme Nacht. Mit dem Rücken an Deck liegen und beobachten, wie die Mastspitze im Wellengang über den dunklen Nachthimmel fegt und die Wolken gleichsam vom Himmel wischt. Tausende Sterne, die Milchstrasse, Jupiter im Skorpion, alte Freunde. Neben mir Meeresleuchten in der Bugwelle, flüssige Sterne. Im Kielwasser mehr fluoreszierendes Plankton, die Milchstrasse im Meer. Die Wolkendecke schliesst sich wieder, dunkel, dunkel. Wo gibt es das noch? Weich gleitet das Boot durch die unsichtbare Wellenlandschaft. Etwas aufdringlich erhellt der Mond von hinter den Wolken den gesamten Himmel. Sterne und Meeresleuchten verblassen.

 

Tag 3, 20. August

Der Wind nimmt kontinuierlich ab und dreht von N auf NE. Diese Veränderungen gehen auf dem offenen Ozean langsam von statt. Für uns bedeutet das nun Wind von genau hinten und wir werden langsamer. Die Segel beginnen zu schlagen, weil sich das Boot im Wellengang wiegt und der Wind die Segel nicht mehr genügend bläht. Das ist normalerweise der Zeitpunkt, wo ich die Segel reffe (einrolle) und den Motor anschmeisse, denn ich will ja innert nützlicher Frist irgendwo ankommen… Das macht nun hier draussen gar keinen Sinn. Laut Wetterbericht soll der Wind im Verlaufe des morgigen Tages wieder stetig zunehmen. Es gilt also Geduld zu üben, zu entspannen  und die Dinge so sein zu lassen, wie sie sind. Kommt bekannt vor?

 

Tag 4, 21. August

Am Morgen sind 460 sm zurückgelegt - die Hälfte ist geschafft! Der Wind bleibt uns tagsüber treu und wir segeln den ganzen Tag unter Schmetterling. Damit meinen Segler, dass der Wind genau von hinten kommt und die Segel je eines zu einer Seite ausgestellt werden, um den Wind optimal einzufangen. 

Das Boot steuert sich mithilfe des elektronischen Autopiloten weitgehend selber und uns bleibt viel Zeit zum Sein. Tara hat eine Langeweile-Attacke, was eine Seltenheit ist in ihrem Leben. Ich schaffe es zum ersten Mal, via Satelliten-Telefon einen Wetterbericht auf mein Laptop herunterzuladen. Das tönt immer alles so easy, wenn andere davon erzählen aber in der (meiner) Praxis musste ich viel Lehrgeld zahlen und Hilfe beanspruchen. Beispielsweise ‚starb‘ mein Satelliten-Telefon einige Tage vor Abfahrt aus unerklärlichen Gründen und ich musste schnell ein Miettelefon aus Deutschland kommen lassen. Zudem sind Daten oder Gespräche auf dem Satellitennetz eh schon teuer. Aber toll gibt es diese Möglichkeit - wenn’s denn funktioniert.

Andererseits ist mir bewusst geworden, dass das Wetter hier draussen einfach stattfindet. Wir sind hier draussen und müssen das nehmen, was kommt. Vor einer Überfahrt ist es wichtig, den Zeitpunkt und die Route so zu wählen, dass man guten Wind aus achterlichen (von hinten) Richtungen hat und keinem Sturm in die Arme fährt. Wenn erst mal unterwegs kann man einem herannahenden Tiefdruckgebiet nur noch beschränkt ausweichen. Die sind meistens schneller unterwegs als wir!

 

Tag 5, 22. August

Am Morgen führe ich mein Logbuch nach und stelle fest, dass wir bereits 620sm zurückgelegt haben, was zwei Drittel der Strecke entspricht. So langsam finden wir einen Rhythmus unterwegs. Weil wir die halbe Nacht abwechslungsweise auf sind, müssen wir am Tag einen geeigneten Moment finden, um etwas zu schlafen. Sonst summiert sich das Manko und die Nachtwachen werden zur Qual.

Eben wurden wir von etwa einem Dutzend Delfinen kurz besucht. Sie mögen es, vor dem Bug des Schiffes mitzuschwimmen und allerlei Kapriolen zu machen. Am liebsten würde ich ins Wasser springen und mit ihnen mitschwimmen. Wer mag schon keine Delfine? Ich denke, sie spüren das.

 

Tag 6, 23. August

Eine tolle, unerwartete und schwülwarme Brise aus Süden lässt uns heute gut vorankommen.

So viel zum Wetterbericht, der zwar mit der Windrichtung einigermassen richtig lag, aber nicht mit der Stärke. Eben, Wetter findet einfach statt, da können wir noch so vermeindlich gute Vorhersagen erstellen.

Heute haben wir einen toten Tintenfisch an Deck entdeckt, der wohl irgendwie dort gelandet ist letzte Nacht. Können Tintenfische fliegen? Als ich ihn zurück ins Meer werfe, entdecken wir gleich auch noch zwei Schildkröten, eine kleine und eine grössere für einen kurzen Moment, dann sind sie leider auch schon achteraus. Auch wenn sie nur kurz sind, freuen uns diese Begegnungen mit Tieren auf offener See besonders. Es sind wohl besondere Wesen, die hier draussen ihr Leben bestreiten.

Wir freuen uns auf die Inseln und gleichzeitig hat uns die Weite und Leere in den letzten Tagen gefallen und auch gut getan. Ein seltenes Gut in unseres Welt!

Die letzte Nachtwache dieser Überfahrt steht an, morgen Mittag sollten wir in Angra do Heroismo auf Terceira ankommen. Dann sind erst mal ausschlafen, Boot putzen, Unterhaltsarbeiten erledigen und Stadt sowie Insel besuchen angesagt.

Tag 7, 24. August

Ich wache auf und stelle fest, dass Tara bereits die Ansteuerung von Angra do Heroismo auf Terceira vornimmt. Sie hat überhaupt einen tollen Job gemacht während dieser Überfahrt und mich sehr entlastet. Wir laufen in der Morgensonne ein, die zwischen den Wolken hindurch dramatische Schlaglichter auf die Stadt und Insel gewährt. 

Wie ich es bereits kenne, schwankt der Tresen bei der Anmeldung im Hafenbüro sehr und ich muss ihn festhalten, damit er nicht umfällt…

Doch das legt sich bereits nach einer Viertelstunde, aber der schwankende Gang hält noch einige Stunden an. Angra gefällt uns sehr gut und sofort fällt auf, wie freundlich und bemüht zu helfen die Menschen hier sind.

Wir haben in 6 Tagen und 3 Stunden insgesamt etwa 940 Seemeilen (1730km) mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 6,5kn zurückgelegt. Das entspricht der Distanz von Hamburg nach Rom. Es war ein tolles Erlebnis und macht Lust auf meer. ;-)

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